9. November 2021

Macht im BDSM

 

Zum letzten BDSM-Stammtisch gab es den Wunsch einer Teilnehmerin über „Macht im BDSM“ zu sprechen. Gesagt, getan. Wir trafen uns also zur Themenrunde. Da dieses Thema sehr individuell ausgelegt wird, war es eine offene Diskussionsrunde und wir sprachen über unsere Interpretation von „Macht im BDSM“, bzw. wie wir Macht überhaupt in unserem Spiel definieren und was für uns dazu gehört.

Es war ein interessanter Abend. Ich glaube die wenigsten verbinden Macht als erstes mit Verantwortung und Fürsorge. Jedoch ist es genau das, was als erstes von einem Dom genannt wurde. Für Neueinsteiger*innen klingt das evtl. befremdlich. Was hat Macht mit Verantwortung und Fürsorge zu tun?

Vielleicht fangen wir weiter vorne an. Macht wird immer eher negativ assoziiert. Im Kontext des BDSM steht jedoch immer der Konsens. Nichts wird gemacht, ohne das alle Teilnehmer*innen damit einverstanden sind (SSC). Ein Teilnehmer brachte ein, dass wir unterscheiden müssen zwischen „gesunder“ und „ungesunder“ Macht.

Wir zitieren ihn hier mal:

„Die „gesunde“ Macht bewegt sich innerhalb des Konsens. Es ist ein zeitliches Beherrschen in einem zuvor abgesteckten Rahmen, wie Ort, Zeitpunkt und Dauer des Spiels. Hier wird zuvor abgestimmt, welche Spielarten, Belobigungen und Strafen zum Einsatz kommen. Es werden Goes und NoGoes abgeklärt und Grenzen festgelegt, die nicht überschritten werden dürfen. Es werden aber auch Grenzerweiterungen und ihre Handhabung bei Nichtgefallen festgelegt. Die gesunde Macht ist die Übergabe meines Wesens in vertrauensvolle Hände.

„Ungesunde“ Macht fordert jedoch mehr wie der*die andere geben kann oder sogar möchte. Aus meiner Sicht ist die „ungesunde“ Macht, die Herrschaft über eine Person, die der*die Herrschende* missachtet, diskreditiert usw. und sich an das Leiden der unterdrückten Personen erfreut, ohne Rücksicht zu nehmen. Bei dieser Machtausübung wird Sub* nicht nach ihrem*seinem Befinden gefragt. Dem (Fem)Dom* ist es egal, ob Sub* es möchte oder nicht. All ihre*seine Belangen sind irrelevant. Sub* hat keinerlei Rechte. Einzig allein (Fem)Dom entscheidet hier über Recht und Unrecht.“

Hier reden wir von Grenzverletzungen und in einer abhängigen toxischen Konstellation auch von Machtmissbrauch im Sinne des Missbrauchs von emotionalen, sowie körperlichen Grenzen. Dieses heißen wir absolut nicht gut und ist nebenbei bemerkt strafbar.

Sprechen wir jedoch von der „gesunden“ Macht, heißt es für (Fem)Dom* auch der Verantwortung bewusst zu sein, innerhalb der abgesprochenen Grenzen zu agieren. Das Vertrauen was einem*r geschenkt wurde zu würdigen. Wenn wir als aktiver Part „zuschlagen“, „erniedrigen“ oder „bestrafen“, geschieht das im Bewusstsein, dass Sub* zugestimmt hat und bereit ist, dies auch zu geben. Sub* hat immer ein ganz kleines Stück der Selbstkontrolle um die Session ggf. selbständig abzubrechen.

Das führt uns natürlich zu der klassischen Frage, wer denn eigentlich Macht in der BDSM-Konstellation besitzt.

(Fem)Dom* oder Sub… Was denkt ihr?

Glaubt ihr der*die (Fem)Dom* besitzt all die Macht?

Da müssen wir euch ein wenig enttäuschen. Wie oben angedeutet bewegen wir uns innerhalb der besprochenen Rahmenbedingungen. Heißt das also Sub* besitzt die Macht? (wieso denke ich jetzt an Star Wars^^).

Nee, auch Sub* besitzt nicht die Macht. Also wer dann?

Die Antwort ist so simpel, aber dennoch scheinen es einige zu vergessen (Wunschzetteldom*, Machtmissbrauch seitens des*der (Fem)Dom*). Beide besitzen Macht. Es ist ein Zusammenspiel innerhalb der individuellen Beziehungsdynamik. Sub schenkt uns Macht über sie*ihn zu verfügen. Im gemeinsamen Gespräch werden die Grenzen abgesteckt und innerhalb dieser bewegt sich (Fem)Dom*. Aaaber das heißt nicht, dass während des Gesprächs (Fem)Dom* nur zuhört und sich eine Liste macht, was geht und was nicht. Um eine Überforderung auch auf aktiver Seite zu vermeiden, oder etwas zu Spielen, worauf man eigentlich gar keine Lust hat und es nur macht um zu gefallen (auch das wäre ein Missbrauch und eine Grenzüberschreitung seitens der*die Sub*), hat

(Fem)Dom* natürlich auch ein Wörtchen mit zu reden.

Was ist er*sie bereit zu geben? Welche Spiele möchte er*sie mitmachen oder was mag er*sie überhaupt? Also ihr seht, es sind genau die selben Fragen für Sub*, wie für (Fem)Dom* die besprochen werden sollten.

Wie eine Teilnehmerin das schön gesagt hat… Macht ist keine Einbahnstraße. Es braucht die, die bereit sind es auszuüben und die, die bereit sind es zu empfangen und im gesunden Spiel geschieht dies freiwillig und einvernehmlich. Also kann Macht vom aktiven, wie passiven Part gegeben und ebenso genommen werden.

Bevor es zum Machtaustausch kommt, braucht es ein Vertrauensvorschuss seitens Sub*. Um diese geben zu können, braucht es ein Gespräch und ein Aushandeln von does und don´ts. Kommt es zum Spiel und Sub* gibt ihre Macht ab, so ist (Fem)Dom* in der Verantwortung auch innerhalb des Spiels sich gut um Sub* zu kümmern. Das heißt, dass der aktive Part empathisch darauf achten muss, wie viel er*sie seinem*ihrem Sub* abverlangen kann. Darin besteht auch die Fürsorge, vor allem in der 1. Session mit einem*r unbekannten Sub*. Wir als aktive Seite besitzen nicht nur die Kontrolle im Spiel über Sub*, wir müssen auch die Kontrolle über uns behalten um nicht in einen (Fem)Dom*rausch zu verfallen und ohne böse Absicht Grenzen zu überschreiten, sowie über die Situation, damit Sub* sich hingeben kann ohne Angst zu haben, dass (Fem)Dom* oder andere übergriffig werden. Aber wir auf der aktiven Seite müssen auch unsere Grenzen kennen, damit wir die Situation unter Kontrolle halten können um uns auch nicht zu überfordern.

Nach der Session ist vor der Session. Das Auffangen ist ebenfalls wichtig, damit Sub* sich von der Session erholen kann und (emotional) stabilisiert wird. Vergesst nicht, Sub* hat uns ein Geschenk gemacht und dieses gilt es beim Auffangen zu wertschätzen. Auch da sollte man sehen, dass es passt. Einige kuscheln gerne, andere möchten ihre Ruhe und später einfach gemeinsam quatschen. Solltet ihr als (Fem)Dom* nicht so auf kuscheln stehen, dann braucht ihr eine Sub* die in sich zur Ruhe kommen kann. Sprecht das auch unbedingt vorher ab. Viele vergessen das.

Bei der Frage, was braucht Sub* um sich fallen lassen zu können, wurde vor allem das Wort Vertrauen genannt. Ihr seht Vertrauen ist das A und O.

Bei der Frage, woran Sub* jemand als dominant anerkennt, wurde es schon schwieriger. Viele meinten, dass strahlt die Person aus. Nach einigen Überlegungen, kamen wir darauf, dass es die zwischenmenschliche Beziehung ausmacht und ob es zusammen passt. Das kann nun wirklich nur individuell herausgefunden werden.

Anziehung ist etwas, was da ist und wir nicht erklären können. Vielleicht wenn wir näher hinsehen kommen auch Worte wie Sympathie, Vertrauen, sich geborgen/gesehen fühlen, das Gefühl haben, dass jemand einem zuhört, usw..

Kommt euch das irgendwie vertraut vor?

Das ist das Leben, nicht nur in BDSM-Beziehungen egal welcher Art, sondern auch in „normalen“ Beziehungen.

Wie ihr merkt ist „Macht im BDSM“ kein schwarz oder weiß. Es ist sooo viel mehr. Zum Abschluss möchten wir eine Teilnehmerin zitieren, die es wunderbar

zusammengefasst hat:

    „Und was ich aus dem gestrigen Abend insbesondere

mitnehmen durfte ist, dass BDSM-Verständnis keine schwarz-weißen Einstellungen nötig sind. Zwischen Schwarz als Abwesenheit von Farbe und Weiß, als Überlappung aller Farben liegt ja ein kunterbuntes Spektrum :-)

    Verantwortung, Fürsorge, Empathie, Vertrauen, Integrität, Kontrolle, Anziehung, Hingabe, Aushandeln, Ausprobieren, Lachen, gemeinsam genießen...“


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